Dienstag, 17. Januar 2017

Chulalongkorn in Braunschweig

Der König von  Siam in Braunschweig


Das heutige Thailand hieß damals noch Siam und man reiste per Schiff, mit den Schnelldampfern des Norddeutschen Lloyd nach Amerika und Fernost. Reisen war Luxus, man mußte viel Geld und Zeit dafür haben. Der Suezkanal war schon gebaut, trotzdem dauerte eine Reise nach Bangkok gut drei Wochen.

Seine Majestät Rama V.  Chulalongkorn  kam mit dem Schnelldampfer „Sachsen“ und kleinem  Gefolge im März 1907 nach Europa, um auf einer mehrmonatigen Reise durch verschiedene Staaten die regierenden Staatsoberhäupter zu besuchen und möglichst viel und aus erster Hand über Wirtschaft, Technik, Militär und Politik zu erfahren. König Chulalongkorn, war der große Reformer, der sein Land erstmaliger dem Westen öffnete und ausländische Berater holte, um die Infrastruktur, Verwaltung und Wirtschaft zu modernisieren. 1891 vollführte er den ersten Spatenstich für die erste Eisenbahnstrecke des Landes, bei seinem Tod, 19 Jahre später, gab es bereits 774 Kilometer Bahnstrecke.

Programm des Besuches 
Der Besuch war penibel durchgeplant, wie die Zeitung berichtet:

Sonnabend, den 10 August: Nachmittags 4 Uhr Ankunft und Empfang des Königs auf dem Haupt-Bahnhof
Abends 7 Uhr Galadiner im Residenzschlosse
Abends 8 ½ Uhr Galavorstellung im Hoftheater.
Sonntag, den 11. August: Fahrt mittels Sonderzug nach Bad Harzburg
Abends 6 ½ Uhr Beiträge der vereinigten Gesangvereine im Hoftheater
Abends 8 ½ Uhr Diner im Residenzschlosse
Montag 8 ½ Uhr Militärische Übungen
Nachmittags 4 Uhr Übungen der Feuerwehren
Nachmittags 5 Uhr Übungen der Turnerschaft
Nachmittags 7 ½ Uhr Diner im Residenzschlosse, hierauf Konzert der Hofkapelle in der Burg Dankwarderode


Volles Programm also ohne Verschnaufpause für den König und seine Begleitung. Empfangen wurde er, das Königreich Preussen war ja noch ein Flickenteppich von Kleinstaaten und Herzogtümern, vom damals regierenden Herzog JohannAlbrecht zu Mecklenburg.
Rama V. Chulalongkorn und Herzog Johann Albrecht
Nach dem Foto zu urteilen, welches die beiden Regenten in der offenen Kutsche zeigt, waren beide Herren wohl recht vergnügt und haben die Zeit in Braunschweig trotz des anstrengenden Programms genossen. Bei der am folgenden Tag angesetzten Fahrt in den Harz wichen sie sogar vom festgelegten Programm ab, schickten den Anhang nach Hause und machten einen sozusagen privaten Ausflug nach Blankenburg:

....begab sich der Herzog-Regent Johann Albrecht mit dem König von Siam und dem beiderseitigen
Rama V. und Gefolge im Bahnhof Bad Harzburg
Gefolge per Privatzug nach Bad Harzburg, wo eine eingehende Besichtigung des Hofgestüts in Bündheim stattfand. Nach einem in Bad Harzburg eingenommenen Frühstück wurde eine Fahrt durch die Berge unternommen. Während ein Teil des Gefolges nach Braunschweig zurückkehrte, unternahm der Herzog-Regent mit seinem Gaste, abweichend von dem Programm, eine weitere Fahrt in den Harz hinein in Richtung nach Blankenburg.


Gastgeber war der Hof des Regenten, aber auch die Stadt Braunschweig war über den hohen Besuch recht erfreut, so daß die Stadtverordneten die bedeutende Summe von 3.000 Mark bewilligten für stadtseitige Veranstaltungen. In einem Brief des Stadtmagistrats an die Herren Stadtverordneten heißt es:

..Wir sind der Ansicht, daß dieser von höchster Stelle ( ...dem Herzog ) gegebenen Anregung stadtseitig Folge zu geben ist, weil wir es einerseits für eine Ehrenpflicht der Stadt erachten, auf Wunsch einen den hiesigen Hof besuchenden fremden Herrscher entsprechend den der Residenz obliegenden Repräsentationspflichten aufzunehmen, und weil es anderseits im wohlverstandenen Interesse der Stadt liegt, durch festliche, unter Mitwirkung der Einwohnerschaft zu bewirkende Veranstaltungen wie sie bei dergleichen Anlässen fürstlichen Besuchern dargeboten zu werden pflegen, den Fremdenverkehr zu heben und den hiesigen Einwohnern Verdienst zu schaffen.
Von kostspieligen Festlichkeiten kann dabei um so weniger die Rede sein, als diese höchsten Orts nicht gewünscht werden; vielmehr ist, soviel es die stadtseitigen Darbietungen betrifft, die Veranstaltung eines Konzertes des hiesigen Männergesangvereins, die Abhaltung eines Schauturnens auf dem Kl. Exerzierplatze und die Abhaltung einer Übung unserer Feuerwehr in Aussicht genommen wird. Endlich würde noch vielleicht die Ausschmückung einzelner Strassen und Plätze in Frage kommen, die aber in bescheidenen Grenzen zu halten ist.


In der Tat ein bodenständiges Programm, sparsam und doch vielfältig! Die Darbietungen von Feuerwehr, Liedertafel und Turnen erfreuten den siamesischen Herrscher ob ihrer Exotik auf jeden Fall, so daß er in seinem Tagebuch vermerkte:

Ich war der Meinung, daß das Einüben dieses Konzertes sehr schwer war. Die Sänger wurden nach dem Vergleich ihrer Stimmhöhen mit der Trompete und der Geige gruppiert. Einige Passagen sangen sie ohne musikalische Begleitung. Das fand ich sehr schön.“

Das Konzert war ausdrücklich als Wohltätigkeitsveranstaltung annonciert, und so berichtete die Braunschweiger Landeszeitung am 14. August:

Der König von Siam hat dem Louisenstifte aus Anlaß des Konzertes der Vereinigten Männergesangvereine im Hoftheater und der Krankenanstalt vom Roten Kreuz aus Anlaß des Schauturnens je einen Betrag von 500 Mark überweisen lassen.“

Die Vorführung der Feuerwehren wurde realistischer als geplant, denn sie hatten kaum angefangen, da erreichte sie eine Alarmmeldung: Die BraunschweigerMaschinenbauanstalt brennt! Sie mußten also abrücken und löschen, zum Glück brannte nur das Dach der Gießerei und konnte rasch unter Kontrolle gebracht.

Militärisches durfte zur damaligen Zeit nicht fehlen, und so berichtet die Zeitung:

Heute früh fand zu Ehren des Königs von Siam auf dem Exerzierplatze eine militärische Übung unter dem Kommando des Kommandeurs der 40.Infanteriebrigade, Generalmajor v. Pritzelwitz [Kurt Karl Wilhelm Gustav von Pritzelwitz, 1854 - 1935] statt, an der das Braunschweigische Infanterieregiment No.92, das Husarenregiment No.17 und zwei Batterien des Feldartillerie-Regiments No.46 aus Wolfenbüttel teilnahmen. Der Übung wohnten der Herzogregent mit Gemahlin, der König von Siam mit dem Prinzen Paribatra und die beiderseitigen Gefolge bei. Eine ungeheure Zuschauermenge hatte sich eingefunden und begrüßte die Fürstlichkeiten lebhaft. An eine Gefechtsübung schlossen sich Exerzitien. Die Übungen endeten mit einem Parademarsch.

Bevor der König mit seinem Hofstaat abreiste, pflanzte er noch einen Baum im Garten des Schlosses. Offensichtlich hatte sich im Gespräch ergeben, daß Staatsgäste in Siam wohl bei Besuchen einen Baum zu pflanzen pflegen und man diese schöne Sitte doch hier fortführen könne.
Flugs wurde also eine Linde beschafft, Chualongkorn vermerkt in seinem Tagebuch:

Ich fand meinen Baum ungewöhnlich, denn fast alle seine kleinen und großen Wurzeln waren abgeschnitten und er hatte keinen Erdballen.“

Ob die Linde angewachsen ist, wurde leider nicht überliefert, mit Sicherheit ist sie bei der Bombardierung im Zweiten Weltkrieg aber verbrannt. Das Schloß war auch nur noch eine Ruine. Der Angriff der Allierten am Sonntag der 15. Oktober 1944 ging als Tag des Untergangs des alten Braunschweig in die Annalen der Stadtgeschichte ein. Das Tagebuch des fernöstlichen Monarchen mit dem Titel „Glai Baan“ ( fern von zuhaus) ist heute sogar in deutscher Übersetzung erhältlich und gewährt interessante Einblicke in die Erfahrungen eines königlichen Touristen zu Zeiten Kaiser Wilhems I.

Kronprinz Vajiralongkorn als Thronfolger des im Oktober 20116 verstorbenen Königs Rama IV. Bhumipol, war im Jahre 2012 auf Privatbesuch in Braunschweig, unter anderem um seine Pilotenlizenz bei Luftfahrbundesamt zu verlängern. König Maha Vajiralongkorn ist jetzt Rama X. der Chakri Dynastie.

Nachtrag: 
1983 lernte der Herzog auf seiner 1-jährigen Fernostreise den damals regierenden König von Siam kennen.   Nach seiner Heirat mit  Elisabeth zu Stolberg-Roßla  begab er sich  im November 1910  auf Einladung des Monarchen auf Hochzeitsreise nach Siam und wurde dort  1911 mit allen Ehren empfangen.  Sie verbrachten einige Zeit im Bergschloß von Petchburi.  
Der Besuch Chulalongkorns in Braunschweig war demnach die dritte Begegnung der beiden Herren.
Ich werde hierüber demnächst ausführlich berichten.

Unterhalten haben sich die Herren vermutlich auf Englisch, denn:  Der Vater Chulalongkorns, König Mongkut, holte 1862 Anna Leonowens als Englischlehrerin für seine Kinder in Land.  Die Geschichte wurde später on Hollywood als "Anna und der König"  kitschig verfilmt.  Anna war übrigens die Tante vom bekannten Schauspieler Boris Karloff. 

Bei einem seiner Besuche wurde Johann Albrecht der Chakri-Orden verliehen.

Abdruck gestattet, der Verein Mitrapap e.V ( gemeinnützig ) würde sich über eine kleine Spende freuen.

Dank an das Stadtarchiv Braunschweig für die Unterstützung bei der Recherche.

Bildnachweise:

2,6: Braunschweiger Neueste Nachrichten 10-13 August 1907, mit freundlicher Genehmigung  Stadtarchiv Braunschweig

1 : unbekannt
3 : A.Grohs Braunschweig um 1907 , Gemeinfrei
4 : unbekannt
5 : unbekannt
6 : Ohio University Library (ob als Original, ist unbekannt )

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